Confiture - mein sporadisches Blog

Historische Zeichnung eines Konfitürenglases

Ab und an schmiere ich Ihnen hier was aufs Brot. Mal fruchtig, mal mit Stückchen, und hin und wieder ist sogar ein bisschen Quintessenz drin.

Guten Appetit!



Der König ist tot, es lebe der König

Ab- und Aufgesang für einen monolithischen Monarchen

Artus ist von uns gegangen. Nein, nicht das sagenumwobene Oberhaupt Britanniens - dieser Artus ruht bekanntlich auf ungewisse Zeit auf der Insel Avalon. Gemeint ist vielmehr mein altehrwürdiger 486er gleichen Namens, der nach fünfzehn Jahren treuen Dienstes das Zeitliche gesegnet hat. Aber wie seinem berühmten Namensvetter eignet ihm glücklicherweise eine gewisse Zählebigkeit...

Mitte der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einer Oldenburger Elektronenhirn-Schmiede mit dem klangvollen Namen "Ossis Computer-Quelle" erschaffen, verdankt er das Attribut "monolithisch" keineswegs seiner Hardware-Architektur, sondern den Abmessungen seines Gehäuses, einem stolzen Big Tower mit Turbo-Taste und einem wirklich ernst gemeinten Netzschalter, den man sich an heutigen Maschinen oft zurückwünscht.

War er zunächst nur für hehre akademische Arbeit bestimmt, so fand es sich bald, dass Artus auch ein prima Zockerkumpel war und seinem damals sehr mittellosen Eigner auch den CD-Spieler trefflich zu ersetzen wusste.

Lemmings, Monkey Island, Day of the Tentacle, Gabriel Knight, X-Wing, Tie-Fighter, Privateer, Transport Tycoon, Ufo... Artus verstand es, sich auch jenseits von Word 2.0 und Picture Publisher unentbehrlich zu machen. Und so blieb er bis in die Zeit von Mehrkernprozessoren und DirectX 11 ein treuer Freund, den man immer mal wieder gerne besuchte, um in Erinnerungen an glückliche Zeiten zu schwelgen, als Bits noch richtige Bits und Männer noch Duke Nukem waren... Sie wissen schon.

Doch als ich ihn kürzlich mal wieder aus seinem Winterschlaf wecken wollte, musste ich traurig feststellen, dass Artus irgendwann während der letzen Monate still und leise abgetreten war. Seine tapfere 520MB-Festplatte hatte ihre Spindel einmal zu oft gedreht. Und obwohl es mir vorzeiten gelungen war, den ehrwürdigen Greis auf seine alten Tage noch netzwerkfähig zu machen, gab es doch keinerlei Backup auf meinem Speichersystem.

Gar keins? Nein! Ein kleiner Haufen unbeugsamer QIC80-Bänder aus dem Jahre 1999 lungerte in meinem Archiv herum und hörte nicht auf, dem Zahn der Zeit zu trotzen. Zu Zeiten von Artus' Regentschaft war mein akademisches Schicksal zu eng mit ihm verknüpft, um unvernünftige Risiken einzugehen. So war er mit einem Streamerlaufwerk ausgestattet worden, das immerhin 250MB auf 39 Metern Band unterbringen konnte... Durfte ich Hoffnung schöpfen?

Zunächst war eine kleine Zeitreise in die Hardwarevergangenheit erforderlich - in eine Zeit, in welcher der VESA Local Bus weit verbreitet war, ISA Slots als schick galten und IDE-Controller noch auf Steckkarten lebten. Es stellte sich heraus, dass neben der irreparablen Festplatte auch die auf dem Mainboard aufgelötete CMOS-Batterie defekt, genauer gesagt, ausgelaufen war. Der Mut wollte mir schon sinken, aber dennoch reinigte ich das Board gründlich in der Hoffnung, es möge kein dauerhafter Schaden entstanden sein. Und da entdeckte ich zwei Pins mit der verheißungsvollen Bezeichnung "aux. batt." Sollte das etwa...?

Das Glück war mir hold. Mit Material im Wert von € 3.50 ersetzte ich die unbrauchbar gewordene Batterie durch eine handelsübliche Knopfzelle, steckte den ganzen Kram wieder zusammen - und das BIOS erhob sich wie Phönix aus der Asche. Nur mit Werkseinstellungen. Damals konnten die eben noch Mainboards bauen!

Kniffliger war es da schon, eine Festplatte zu finden, die klein genug war, um vom BIOS erkannt zu werden, doch auch das glückte schließlich. Der Rest ist schnell erzählt: ein bisschen GPartED-Magie, DOS 6.22 von 3.25"-Originaldisketten installiert (von wegen, die halten nur anderthalb Jahre!), Colorado Backup light dazu, Band in den Streamer, hoffen, und... nach 25 Minuten war er wieder ganz der Alte.

Nur der Duke wollte erst nicht so richtig, aber dann fiel mir wieder ein, dass er mit dem schwindelerregenden Prozessortakt von 100MHz schon damals so seine Schwierigkeiten hatte. Also - Turbo raus, und bei gemütlichen 50MHz fand er schnell zu seiner frühreren Form zurück. Happy end, oder, wie der Duke sagen würde: "Yeah! Piece of cake!"

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