Confiture - mein sporadisches Blog

Historische Zeichnung eines Konfitürenglases

Ab und an schmiere ich Ihnen hier was aufs Brot. Mal fruchtig, mal mit Stückchen, und hin und wieder ist sogar ein bisschen Quintessenz drin.

Guten Appetit!



Der Kunde des Grauens

Von einem, der auszog, für sich selbst zu arbeiten

Da bewahrt man im Alleingang ganze Unternehmensnetze vor dem Untergang, kämpft für Webstandards und gutes Design, kurz: man rettet täglich die Welt, und das zu äußerst günstigen Konditionen. Doch dann, in einer nebligen Nacht, begegnet man seinem schlimmsten Alptraum. Und man wacht wahrscheinlich nie wieder auf.

Viele monumentale Katastrophen beginnen mit einer Idee von geradezu bestechender Einfachheit, zum Beispiel „Wie wärs, wenn wir ein unsinkbares Schiff bauen, dann sparen wir Rettungsboote”, „Ohne Privateigentum gibt's auch keinen Streit mehr” oder „Laßt uns den Atommüll einfach vergraben, dann sind wir ihn ein für alle mal los”. Auch in meinem Fall war der Grundgedanke ebenso naheliegend wie einleuchtend: „Ich brauche eine Website. Hey, Moment mal, ich bin ja Webdesigner! Na das trifft sich ja.” So kam ich an den Kunden des Grauens.

Sartre sagt „L'enfer c'est les autres”, aber glauben Sie mir, l'enfer c'est nous-mêmes. Der Kunde des Grauens ist nie zufrieden. Nie. Egal, was sie ihm vorlegen, er findet tausend Seiten im Web, die besser sind. Also fangen sie von vorne an. „Na ja, ganz manierlich” ringt er sich ab, und dann zeigt er Ihnen tausend Seiten im Web, die besser sind. Lesen Sie nochmal von „Also” bis „sind” und wiederholen Sie den Vorgang nach Belieben, aber nicht weniger als fünf mal.

Der Kunde des Grauens zahlt nicht. Niemals. Und nicht nur das, er hält Sie auch davon ab, Arbeit für zahlende und freundlichere Kunden zu leisten, wo immer er kann. Dabei zeigt er keinerlei Hang zur Geduld. „Das muss jetzt fertig, ich will schließlich endlich damit Werbung machen! Seit Monaten liegen die Visitenkarten hier rum und Du Vollhonk kriegst die Seite nicht fertig” ist etwa das, was er sich unter einer motivierenden Ansprache vorstellt.

Dankbarkeit ist für den Kunden des Grauens keineswegs ein Fremdwort - nein, er kennt es überhaupt nicht. Wenn es Ihnen tatsächlich jemals gelingen sollte, etwas zu produzieren, was nicht sofort einen Würgreflex bei ihm auslöst, können Sie sich glücklich schätzen, wenn Sie ein anerkennendes „Wieso zum Henker hat das so verdammt lange gedauert?” von ihm hören.

Das Schlimmste ist: diesen Kunden werden Sie nie wieder los. Weglaufen oder verstecken nützt nichts. Er sitzt Ihnen nicht im Nacken, sondern auf dem selben. Kürzlich hatte ich ihn bei „Wieso zum Henker hat das so verdammt lange gedauert?” und wollte gerade aufatmen, da sagte er: „So. Und was ist jetzt mit den Texten? Du machst doch auch Redaktion, oder?”

| Kategorie(n): Allgemein | Zum Blog |